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Mit dem Ausscheiden Lörchers aus dem akademischen Betrieb im Jahr 1945 begann eine neue Phase, die sich nicht mehr mit der allansichtigen Skulptur, sondern mit der zweidimensionalen Reliefplastik beschäftigte. In diesen Arbeiten ging Lörcher der Frage nach, wie der „Mensch als handlungs- und kommunikationsfähiges Wesen“ in größeren Gruppen interagiert. Die wiederkehrenden Motive und Themen des Künstlers sind Reitergruppen und akademische Kommunikationsorte, wie an den Titeln abzulesen ist: „Dozent“ (1953/53) und „Vor der Konferenz“ (1958). Aus diesen Serien kaufte die Kunstkommission für die Medizinische Klinik im Jahr 1959 zwei Terrakotta-Reliefs an, „Amazonen“ und „Zuhörer“. Letztere zeigt insgesamt 25 Figuren verteil auf fünf Bänken, die in unterschiedlichen Körperhaltungen einem Vortrag folgen. Passenderweise hängte man Lörchers Arbeit „Zuhörer“ an eine Wand vor dem Hörsaal der Medizinischen Klinik, doch war dies nur ein vermeintlich guter Ort. Denn einerseits brachen die Medizinstudierenden den Figuren die Köpfe ab, und anderseits nutzten sie die Seiten des Tableaus, wo quadratische und rechteckige Durchbrüche waren, die wohl stilisierte Fenster zeigen, als Ablagen für Rollen von Toilettenpapier. Aber auch Vandalismus und Verunglimpfung ist Kommunikation. Dass seit den 1980er-Jahren das Tableau als verschollen gilt, scheint konsequent, da Opfer – Menschen wie Kunstwerke – oftmals dasselbe Schicksal der damnatio memoriae teilen.
Standort: Medizinische Klinik, Ottfried-Müller-Str. 10 - Verschollen
NameRelief
Zuhörer
DepartmentExterne Sammlungen
Künstler*in
Alfred Lörcher
deutsch, 1875 - 1962
Date1959
DescriptionBis zum Ende des Zweiten Weltkriegs lehrte der Stuttgarter Künstler Alfred Lörcher (1875–1962) in seiner Heimatstadt an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste. Lörcher war seit 1919 Professor an der Kunstgewerbeschule. Nach einem zeitweiligen Ausstellungsverbot 1936 wurde er zwei Jahre später zu einem einfachen Lehrbeauftragten degradiert. Zu dieser Zeit hatte Lörcher als „schwäbischer Maillol“ bereits nationale Bekanntheit erlangt. Seine Figuren zeigen geometrisch-kubische Körper, streng gegliedert, mit dem Ziel, Maß und Gleichgewicht in eine sinnliche bildhauerische Formensprache zu überführen. Mit dem Ausscheiden Lörchers aus dem akademischen Betrieb im Jahr 1945 begann eine neue Phase, die sich nicht mehr mit der allansichtigen Skulptur, sondern mit der zweidimensionalen Reliefplastik beschäftigte. In diesen Arbeiten ging Lörcher der Frage nach, wie der „Mensch als handlungs- und kommunikationsfähiges Wesen“ in größeren Gruppen interagiert. Die wiederkehrenden Motive und Themen des Künstlers sind Reitergruppen und akademische Kommunikationsorte, wie an den Titeln abzulesen ist: „Dozent“ (1953/53) und „Vor der Konferenz“ (1958). Aus diesen Serien kaufte die Kunstkommission für die Medizinische Klinik im Jahr 1959 zwei Terrakotta-Reliefs an, „Amazonen“ und „Zuhörer“. Letztere zeigt insgesamt 25 Figuren verteil auf fünf Bänken, die in unterschiedlichen Körperhaltungen einem Vortrag folgen. Passenderweise hängte man Lörchers Arbeit „Zuhörer“ an eine Wand vor dem Hörsaal der Medizinischen Klinik, doch war dies nur ein vermeintlich guter Ort. Denn einerseits brachen die Medizinstudierenden den Figuren die Köpfe ab, und anderseits nutzten sie die Seiten des Tableaus, wo quadratische und rechteckige Durchbrüche waren, die wohl stilisierte Fenster zeigen, als Ablagen für Rollen von Toilettenpapier. Aber auch Vandalismus und Verunglimpfung ist Kommunikation. Dass seit den 1980er-Jahren das Tableau als verschollen gilt, scheint konsequent, da Opfer – Menschen wie Kunstwerke – oftmals dasselbe Schicksal der damnatio memoriae teilen.
Standort: Medizinische Klinik, Ottfried-Müller-Str. 10 - Verschollen
DimensionsH x B x T: 57 x 66,5 x 2 cm
MediumTerrakotta
Object numberVBA-Sg-133
Exhibitions
1968
Nachkriegsjahre bis 1960er